Reggio-Pädagogik: Die hundert Sprachen des Kindes

Von der kindergarten.info-Redaktion · zuletzt bearbeitet im August 2026

Das Konzept des Reggio-Kindergartens stammt aus Italien, hat sich aber auch hierzulande durchaus durchgesetzt. Neben vielen weiteren Ansätzen verfügt auch die Reggio-Pädagogik in Deutschland über eine gewisse Anhängerschaft, die vor allem den Umstand zu schätzen weiß, dass die Eltern aktiv eingebunden werden. Die Mütter und Väter von Kindern, die einen Reggio-Kindergarten besuchen, haben somit wesentlichen Anteil am Kindergartenalltag. Dadurch haben sie vielfältige Chancen, sich aktiv einzubringen, werden aber auch gefordert. Eltern, die nach der passenden Kinderbetreuung suchen und dabei unter anderem auch auf einen Reggio-Kindergarten stoßen, sollten sich dessen bewusst sein und die Eigenheiten der Reggio-Pädagogik kennen.

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Eltern spielen mit ihrem Kleinkind mit Bauklötzen

Philosophie und Grundlagen der Reggio-Pädagogik im Kindergarten

Die freie Entfaltung der Kinder unter Berücksichtigung ihrer individuellen Möglichkeiten ist im Rahmen der Reggio-Pädagogik das Maß aller Dinge. Durch verschiedene Projekte können sich die Kinder selbst verwirklichen und gleichzeitig unterschiedlichste Ausdrucksformen für sich entdecken. Die Erzieher/innen sind dazu angehalten, die Stärken der Kinder zu fokussieren und vorrangig mit diesen zu arbeiten. Es geht folglich nicht darum, gegen die Schwächen anzukämpfen. Dieser Grundsatz macht die Philosophie der Reggio-Pädagogik aus. Darüber hinaus ist eine aktive Einbindung des gesamten Umfeldes kennzeichnend für die Reggio-Pädagogik. Für den Kindergartenalltag bedeutet dies, dass unter anderem die Eltern aktiv eingebunden werden und nicht bloß Außenstehende sind. Gemeinschaftliche Projekte, die jedoch nicht verpflichtend sind und bei den Interessen der Kinder ansetzen, bestimmten die alltäglichen Abläufe in einem Reggio-Kindergarten. Indem sie daran mitwirken oder zumindest den Präsentationen bewohnen, haben die Eltern Anteil am Kindergartenalltag ihres Nachwuchses. Kooperationen sind für die Reggio-Pädagogik somit von großer Bedeutung. Zudem kommt sie eher experimentell daher und gibt den Kindern die Gelegenheit, sich auszuprobieren.


Warum gibt es keine Fachliteratur zu den Prinzipien der Reggio-Pädagogik?

Eltern und auch Erzieher/innen, die sich in Sachen Reggio-Pädagogik einlesen möchten und daher nach einschlägiger Fachliteratur zu den Prinzipien des Reggio-Kindergartens suchen, erleben eine Enttäuschung, denn der Buchhandel kann damit nicht dienen. Dies liegt keineswegs an mangelndem Interesse, sondern ist in dem Konzept der Reggio-Pädagogik begründet.

Diese will keinem festen Konstrukt folgen, sondern sich eine größtmögliche Flexibilität bewahren. Um dies zu erreichen, wird von einer Niederschrift der Prinzipien abgesehen. Dadurch erweist sich die Reggio-Pädagogik als überaus wandelbar und läuft nicht Gefahr, aus falschem Traditionsbewusstsein an Altem festzuhalten.


Die Geschichte der Reggio-Pädagogik

Die Reggio-Pädagogik ist ein noch recht junges Konzept und entstand erst im Laufe der 1970er-Jahre. Eine wichtige Persönlichkeit war dabei der Lehrer Loris Malaguzzi, der die Reggio-Pädagogik begründete. Ihren Namen verdankt sie ihrem Ursprungsort, denn als Wiege der Reggio-Pädagogik tritt die italienische Stadt Reggio nell’Emilia in Erscheinung. Ein wichtiger Meilenstein in der historischen Entwicklung der Reggio-Pädagogik war die Nennung der örtlichen Kindergärten im Newsweek Magazine.

Dieses machte 1991 auf das besondere Konzept aufmerksam und ernannte dieses zum weltweit besten Programm in der Kategorie „Early Childhood Education“. Spätestens seit den 1990er-Jahren ist die Reggio-Pädagogik auf dem Vormarsch und längst nicht nur in ihrer italienischen Heimatstadt Reggio nell’Emilia bekannt. Unter anderem auch in Deutschland sind Reggio-Kindergärten vielerorts vorhanden und erfreuen sich hier großer Beliebtheit.


Woher der Ansatz kommt

Nach dem Zweiten Weltkrieg bauten Eltern in der norditalienischen Stadt Reggio Emilia eigene Kindergärten auf. Der Pädagoge Loris Malaguzzi begleitete diese Arbeit über Jahrzehnte. Anders als bei Montessori oder Waldorf steht am Anfang kein Gründer mit einer Lehre, sondern eine gewachsene Praxis - deshalb spricht man von der „Reggio-Pädagogik" und nicht von einer Methode.

Berühmt wurde Malaguzzis Bild von den hundert Sprachen des Kindes: Kinder drücken sich nicht nur mit Worten aus, sondern über Zeichnen, Bauen, Bewegen, Musik und Rollenspiel. Aufgabe der Erwachsenen ist es, diese Ausdrucksformen nicht zu verengen.


Drei Merkmale

  • Der Raum als dritter Erzieher. Neben Kind und Fachkraft wirkt die Umgebung. Reggio-Einrichtungen arbeiten mit viel Licht, Spiegeln, durchsichtigen Materialien und offenen Regalen - der Raum soll zum Ausprobieren auffordern.
  • Das Atelier. Ein eigener Werkraum mit Farben, Ton, Draht und Fundstücken, in größeren Häusern von einer künstlerisch ausgebildeten Kraft begleitet.
  • Projektarbeit. Ein Thema, das Kinder beschäftigt, wird über Wochen verfolgt - mit offenem Ausgang. Was dabei entsteht, wird an den Wänden sichtbar gemacht.

Wie sieht der Alltag in einem Reggio-Kindergarten aus?

In Anbetracht der Tatsache, dass die Entscheidungsfreiheit der Kinder in der Reggio-Pädagogik an erster Stelle steht, liegt die Annahme nahe, dass es in einem solchen Kindergarten mehr als chaotisch zugeht. Jedes Kind kann selbst entscheiden, wo es sich aufhält, obwohl dennoch Gruppen bestehen. Außerdem gibt es noch weitere Spielräume, in denen sich die Kinder austoben oder auch kreativ ausleben können.

Überraschenderweise bricht aber dennoch nicht das Chaos aus, weil alles auf die Bewegungsfreiheit und Individualität der Kinder abgestimmt ist. Diese können ihren persönlichen Interessen nachgehen und sich frei entfalten. Dadurch ergibt sich im Allgemeinen eine harmonische Grundstimmung, während die Kinder vollends ausgelastet sind. Das erwartete Chaos bleibt aus, da die Organisation auf den Reggio-Ansatz abgestimmt ist.


Wie gestaltet sich die Einbindung der Eltern in einem Reggio-Kindergarten?

Dass die Erzieher/innen und Eltern bei der Betreuung, Förderung und Erziehung der Kinder an einem Strang ziehen und als Partner agieren müssen, steht außer Frage. In vielen Kindergärten fühlen sich Mütter und Väter aber dennoch mehr oder weniger als Außenstehende und haben nur geringen Anteil am Kindergartenalltag.

In einem Reggio-Kindergarten ist dies ganz anders, weil die Eltern hier jederzeit herzlich willkommen und dazu aufgerufen sind, aktiv am Kindergartenalltag teilzuhaben. Das partnerschaftliche Verhältnis zwischen Erziehern und Eltern kann beispielsweise dadurch gefördert werden, dass Eltern gewisse Projekte im Kindergarten organisieren und im Zuge dessen ihre fachliche Kompetenz einbringen.

Handwerkliche Projekte, gemeinsames Kochen oder auch ein Chor aus Erziehern, Eltern und Kindern können die Mütter und Väter zu aktiven Säulen des Kindergartenalltags machen.


Dokumentation als Kern

In kaum einem anderen Ansatz spielt Dokumentation eine so grosse Rolle. Fotos, Zitate der Kinder, Zeichnungen und Zwischenstände hängen aus, damit alle Beteiligten sehen, wie ein Projekt sich entwickelt. Sie dient nicht der Leistungsmessung, sondern macht Denkwege sichtbar - für die Kinder selbst, für das Team und für die Eltern. Wie das in Deutschland üblicherweise umgesetzt wird, steht unter Dokumentation im Kindergarten.

Voll umgesetzte Reggio-Einrichtungen sind hierzulande selten, einzelne Elemente dagegen weit verbreitet: das Atelier, die Projektarbeit und die sichtbare Dokumentation an den Wänden.


Häufige Fragen

Ist Reggio eine Methode?

Nein, eher eine Haltung. Es gibt kein festes Material und keinen Lehrplan, sondern Grundgedanken, die jede Einrichtung eigenständig ausfüllt.

Was ist ein Atelier in der Kita?

Ein eigener Werkraum mit Farben, Ton und Fundstücken, in dem Kinder ohne Zeitdruck gestalten. In größeren Häusern wird er von einer künstlerisch ausgebildeten Kraft begleitet.

Woran erkenne ich eine Reggio-Einrichtung?

An viel Tageslicht und offenem Material, an Projekten, die über Wochen laufen, und an Wänden, die Zwischenstände zeigen statt fertiger Bastelarbeiten in Reihe.